Mit Gartendesigner Michael Jost auf den Felsen von Chiapas

Es ist 7 Uhr morgens im Phantasialand. Während sich die ersten Sonnenstrahlen so langsam hervorwagen, ist Gartendesigner Michael Jost mit seinem Team schon unterwegs. Ihr heutiges Ziel: Chiapas – DIE Wasserbahn.

In einigen Stunden begeben sich die Gäste des Phantasialand hier auf eine Expeditionstour durch einen verlassenen Maya-Tempel auf fünf verschiedenen Ebenen und sausen die für eine Wildwasserbahn steilste Abfahrt der Welt hinunter.

Momentan, um 7 Uhr morgens, stehen die Expeditionsboote noch still.

Auf nach Mexico – mit Kakteen, Yuccas und Agaven

Stattdessen bewegen sich Rollwagen, Holzkisten und Töpfe voller Kakteen, Yuccas und Agaven durch den Themenbereich Mexico. Alles Pflanzen, die hier eine neue Heimat finden. Insgesamt über tausend an der Zahl!

„Die Bepflanzung von Chiapas entsprach in der letzten Zeit nicht mehr unseren Vorstellungen“, erklärt Michael Jost. „Wir wollen hier das ganze Jahr über eine exotische und authentische Atmosphäre schaffen. Aber wir haben gesehen, dass nicht alle Pflanzen die speziellen Bedingungen gut vertragen“, so der Gartendesigner.

Denn während es im Sommer hoch oben auf den Felsen oft heiß und trocken wird, kann der Winter große Kälte bringen. Dabei steht den Pflanzen oft nur ein sehr kleines Erdvolumen zur Verfügung, aus dem sie Wasser und Nährstoffe ziehen. Das Resultat: Die Pflanzen sahen nicht mehr wie gewünscht grün und üppig aus.

Und deshalb hat sich Michael Jost für verschiedene sukkulente Pflanzen entschieden. „Das sind Pflanzen, die viel Wasser speichern und damit längere Trockenzeiten problemlos überstehen können. Zusätzlich sind sie besonders winterhart und sehen auch in den kalten Monaten, wenn auch die Wasserbahn fährt, schön grün und prachtvoll aus. Damit erschaffen wir eine einzigartige, exotische Landschaft hier bei Chiapas“, erklärt der Gartendesigner seine Auswahl.

Gartendesign: ein Kunsthandwerk

Etwas erschaffen, wo vorher nichts war; genau das ist Michael Josts gärtnerischer Antrieb.

Um die Gartengestaltung im Phantasialand kümmert sich der 47-Jährige nun schon seit über 20 Jahren. „Die Bepflanzung ist ganz entscheidend für das Gesamterlebnis unserer Gäste“, sagt er voller Begeisterung. „Jeder Themenbereich im Phantasialand ist ganz individuell gestaltet und auch die Pflanzenauswahl ist dementsprechend für jeden einzelnen Bereich individuell konzipiert“, so der Gartendesigner, der im Phantasialand gärtnerisches Handwerk mit künstlerischer Kreativität vereint.

Die Liebe zu den Pflanzen und das Auge für die Gestaltung einer Landschaft

Mit fünf Jahren hatte Michael Jost sein erstes Gemüsebeet, in dem er Erdbeeren und Radieschen pflanzte. Im Alter von zehn Jahren waren es kleine, junge Bäume, die er aus einem Wald in seiner Heimat in Rheinland-Pfalz ausgrub. Die Bäume fuhr er mit der Schubkarre über Felder und Wiesen. Überall dort, wo ihm etwas fehlte, wo für ihn die Landschaft noch nicht vollkommen war, pflanzte er die kleinen Bäumchen ein. Regelmäßig besuchte er sie mit der Gießkanne und gab ihnen Wasser.

Manche davon stehen noch heute. Eine Eiche ragt inzwischen zehn Meter in die Höhe.

Direkt aus Mexicos Pflanzenwelt

Die Einheit aus Thematisierung und Bepflanzung ist bei Chiapas gut zu erkennen. Denn die neu ausgewählten Sukkulenten passen perfekt in den Themenbereich Mexico. Yuccas, Agaven und Kakteen kommen ursprünglich aus Mittelamerika und bringen authentische Exotik nach Chiapas. Gerade die Opuntien, Kakteen mit elliptischen, ohrförmigen Segmenten, wird Michael Jost in großer Anzahl pflanzen. Sie sind prädestiniert, genau hier in den Felsen von Chiapas zu stehen.

Nach einer alten Prophezeiung sollten die Azteken ihre Hauptstadt dort errichten, wo ein Adler auf einer Opuntie steht und mit einer Schlange kämpft. Sie fanden diesen Ort mitten im heute nahezu trocken gelegten Texcoco-See und gründeten die Hauptstadt Tenochtitlán, die bis ins 16. Jahrhundert im heutigen Gebiet von Mexico-Stadt lag. Noch heute ziert ein mit einer Schlange kämpfender Adler auf einer Opuntie, die auf einem Felsen in einem See wächst, das mexikanische Wappen.

Hoch hinaus und schwindelfrei

Aber zurück in den Themenbereich Mexico und zu Chiapas im Phantasialand. Michael Jost und sein Team sind bereit für die Bepflanzung, doch sie warten noch auf ein eher seltenes Arbeitsgerät für Gärtner: einen Gabelstapler.

Denn das Areal der Wasserbahn ist geprägt von zerklüfteten Felsen, tosenden Wasserfällen und tiefen Schluchten. Nicht nur für die Pflanzen sind die Standorte eine besondere Herausforderung. Die Gärtner müssen genau diese Standorte erreichen und bepflanzen. Und das ist nicht immer leicht.

„Es sind schon sehr besondere Orte, die wir hier bepflanzen, in großer Höhe und mit wenig Bewegungsfreiheit. Das ist eher ungewöhnlich für einen Gärtner“, sagt Michael Jost sichtlich beeindruckt. Angeseilt im Korb des Gabelstaplers fährt der Gartendesigner an der Felswand von Chiapas in die Höhe. Acht Meter über dem Boden beugt er sich über eine Pflanztasche und setzt behutsam mehrere zylindrische Feigenkakteen der Art Cylindropuntia imbricata mit ihren weit verzweigten, dünnen, dornigen Ästen ein.

Bepflanzung an der weltweit steilsten Abfahrt einer Wildwasserbahn

Zurück am Boden bleibt Michael Jost nur ein kurzer Moment zum Durchschnaufen. Dann geht es mit Yuccas beladen zu einem großen Pflanzenbecken direkt an der Fahrstrecke der Wasserbahn. Nur wenige Zentimeter vor Michael Jost und seinem Team geht es die steile Abfahrt der Wasserbahn hinunter – die steilste der Welt.

Schon bei einer Fahrt in den Expeditionsbooten ist das eine beeindruckende Erfahrung. An dieser Stelle auch noch zu arbeiten und zu pflanzen, das erfordert jede Menge Konzentration, Balance und Schwindelfreiheit.

Zeitdruck, Wetter und Geduld

Dabei steht Michael Jost für all diese Tätigkeiten nur ein sehr kurzes Zeitfenster von zwei Stunden vor Parköffnung zur Verfügung. Sobald die ersten Gäste sich zu Chiapas – DIE Wasserbahn begeben, müssen wieder alle Zugangswege und die Strecke der Wasserbahn frei sein.

Doch weder vom Zeitdruck noch von den besonderen Standorten lässt sich Michael Jost aus der Ruhe bringen. Der Gartendesigner bleibt stets gelassen. Auch starke Regenfälle oder längere Trockenzeiten können dem vorgesehenen Bepflanzungsplan schnell mal einen Strich durch die Rechnung machen. So weiß Michael Jost am Abend oft nicht, ob er am nächsten Morgen pflanzen kann, je nach Wetterlage. „Gärtnerische Tätigkeiten erfordern immer viel Geduld“, das weiß Michael Jost durch seine langjährige Erfahrung. „Wir arbeiten in der Natur und mit der Natur. Da muss man vieles einkalkulieren und sehr flexibel sein.“

Alles im grünen Bereich

Inzwischen haben Michael Jost und sein Gärtner-Team einen großen Teil des riesigen Areals von Chiapas – DIE Wasserbahn neu bepflanzt. Die Zugangswege und die Fahrstrecke sind wieder frei. Nun ist es kurz nach neun Uhr und die ersten Gäste betreten das Phantasialand. Bald werden sie in die Expeditionsboote steigen und die vielen neuen Pflanzen zu sehen bekommen, die das Erlebnis im Themenbereich Mexico noch exotischer und authentischer machen.

Dank Michael Jost und seinem Team ist also hier in Mexico, bei Chiapas, alles im grünen Bereich.

Author

Timo Hertel