Phantastische Welten

Tim Burton im Land der Phantasie

Text: Birgit Reckersdrees
Fotos: Pascal Tischler

Der Hollywood-Regisseur zu Besuch im Phantasialand

Samstag, 15. August:
Es ist Punkt 13:00 Uhr, als der Künstler und Regisseur TIM BURTON, 56, (Batman, Alice im Wunderland, Charlie und die Schokoladenfabrik, Edward mit den Scherenhänden, uva.) mit seiner Crew und dem Kurator des Max-Ernst-Museums im Hotel Ling Bao aufschlagen.

„Wir haben nicht viel Zeit, bitte denken Sie daran, dass wir um 15:30 Uhr, spätestens um 16:00 Uhr wieder weg müssen. Tim hat schließlich um 19:00 Uhr seine Ausstellungseröffnung und sollte vorher noch ausruhen!“ – so die direkte Ansage des Kurators. Dass hier seine Vorstellung vom „Ausruhen“ und die von Tim Burton kolossal auseinandergehen, das ahnt zu diesem Zeitpunkt wohl noch niemand.
Denn natürlich ist er um das Wohl des Künstlers besorgt, der noch am selben Abend im Max-Ernst-Museum in Brühl seine Ausstellung vor großem Publikum eröffnen soll, die erstmals 2009 in New York im Museum of Modern Art gezeigt wurde.
Der Künstler, Maler, Fotograf und nicht zuletzt einer der ganz großen Regisseure unserer Zeit soll aber noch ein paar Stunden dem geschäftigen Eröffnungsstress entfliehen dürfen. Er selbst hat sich gewünscht, ins Phantasialand zu kommen – seit er im Internet einen Film von der Attraktion „Talocan“ gesehen hat. Und da so ein vielbeschäftigter Mensch wie er seine engen Zeitfenster nutzen muss, hat er ein paar Tage zuvor 2 Assistenten geschickt, Phantasialand zu prüfen… die beiden sind alles gefahren, haben alles gesehen und ihm Videos geschickt – Daumen rauf, haben sie signalisiert, das hier wird dem Meister gefallen!

Tim Burton genießt die Fahrt auf Chiapas - DIE Wasserbahn

Und so steht er nun im Garten des Hotel Ling Bao und kommt aus dem überrascht sein gar nicht mehr heraus. Keine 5 Schritte und schon ist das Smartphone gezückt und er macht Selfies mit Kamelie, Pagoden, Koi-Karpfen, Fahnen, Glocke….
Kaum haben wir China Town betreten, verschwindet er mit hoch gehaltenem Handy in der Menschentraube, die sich gerade die Artisten-Show auf der Bühne anschaut und konzentriert sich ganz auf die Bilder, die er dort einfängt. Tim Burton „einzufangen“, wenn er vor Begeisterung von dem, was er gerade sieht und hört, davon stürmt, das wird die erklärte Herausforderung des Tages für den Kurator…
Schnell ist klar, das ganze Phantasialand, das ist seine Welt. „Bring mich zu den Attraktionen, wo ich den Thrill spüren kann, ich will bis an meine Grenzen gehen“, so bittet er mich. So viel zum „Ausruhen“. Damit geht es zum Aufwärmen zur Black Mamba. Die Jagd der Schlange durch Afrika ist so ganz nach seinem Geschmack „intensive, dizziness, breathtaking“. Zwischendurch wieder Selfies mit den großen Holzfiguren, den Bakongos, mit Kroka…
Dann zu Talocan – ein erster Blick von der Brücke und des Meisters Augen fangen an zu leuchten - das will er sofort fahren, auf der Stelle und dann gleich zweimal hintereinander. Augen und Ohren des Regisseurs nehmen dazu noch jede Kleinigkeit auf: Musik, Geräusche, Details, alles wird wahrgenommen. Er ist begeistert, sieht so viele Parallelen zum Filmemachen, wo er, der Akribische, alles unter Kontrolle hat. Weiter zur Wasserbahn CHIAPAS, wo er richtig schön durchnässt und mit einem seiner seltenen Lachen aus dem Boot steigt. „What a fun“, das hat ihm besonders gefallen - sind doch seine Markenzeichen die Totenköpfe und hier hat er sie alle wiedergetroffen! Noch lange hat er nicht genug, also auf die Colorado, die er 1,2,3 mal  mit fast kindlicher Begeisterung fährt.
Auf der Liste der Assistenten steht nun Mystery Castle, und der Meister des skurrilen Horrors versteht sofort, dass die liebliche Musik im Barock-Garten im Schatten des Turms die Heftigkeit, die Gnadenlosigkeit verstärkt – es ist wie in seinen Filmen.
Mittlerweile ist es 16:00 Uhr, wir sind wieder in China Town, alles ist super gut gelaufen, der Künstler gut gelaunt, der Kurator entspannt – bis zu dem Moment, an dem Tim Burton sagt, dass er noch nicht weg will. Er will nochmal Talocan fahren.

Kurze Ratlosigkeit bei Crew und Kurator, ein Blick auf die Uhr, ein Seufzen und dann, o.k, wenn Tim unbedingt will…
Burton nimmt meinen Arm und erklärt mir mit leuchtenden Augen: „This is a dream, no, this is my dream, my dreamland, I was looking for a long time…”.  Er war überall auf der Welt, hat so vieles gesehen und hat sich immer gewünscht, so einen Ort zu finden. „Sag Deinen Leuten, dass sie so total verrückt sind, sich so etwas auszudenken und zu bauen! Diese Attraktionen, alles unique, alles besonders, da ist so viel Story drin. Wir sind Brüder im Geiste!“, ruft er aus und läuft mit großen Schritten in Richtung Mexico. So ein Meister lässt sich dann eben doch nicht so einfach einfangen…
Also wieder zu Talocan und mit Blick auf den Wellenflug ein fast schüchternes „davor habe ich Angst, richtig Angst!“. Ich fasse es kaum, frage nach. Doch, doch, auf so etwas geht er nie! „Also hier ist Deine Grenze“, zwinkere ich ihm zu. Nach zwei weiteren Fahrten mit Talocan beschließt er, seine Angst überwinden zu wollen: „Let’s take it as a theraphy“, grinst er, um dann nach den Runden über den Wasserfontänen sich wie ein Vogel im Wind gefühlt zu haben…

Tim Burton vor einer der unzähligen Talocan-Runden

Es ist 16:45 Uhr. Das ist also auch erledigt, denkt der Kurator erleichtert, lässt den Chauffeur direkt zum Eingang Berlin kommen, damit es gleich los geht. Doch wieder hat er die Rechnung ohne Burton gemacht.

„Sag mal, was ist Deine Lieblingsattraktion“, fragt er mich unvermittelt. Nun, für mich keine Frage, es ist die Black Mamba. Nicht Talocan? Nein, ganz klar, für mich ist es die Black Mamba. „Mhhm, meinst Du wirklich? Also dann müssen wir die Black Mamba und Talocan nochmal zusammen fahren und ich entscheide mich dann, was besser ist“, sagt er augenzwinkernd. Der Kurator kapituliert, als Burton beschließt, dass das Ausruhen vor der Eröffnung „nonsens“ sei. Die richtige Erholung, das hat er hier und duschen reiche ja wohl völlig aus… Der Meister hat hier einfach nur Spaß.
Wir machen unsere „Testfahrten“ und so ganz möchte er sich nicht entscheiden, welche Attraktion besser ist, zumal er ja die vielen anderen Attraktionen, von denen seine Assistenten berichtet haben, noch gar nicht gesehen hat: die „Spinning Coaster in einer Stadt“, die „funny Mäusejagd“ oder das „crazy Hotel“… Er müsse dazu einfach nochmal wiederkommen.
Er habe hier etwas Unerwartetes entdeckt, eine besondere Welt, so voller Überraschungen, sinniert er, als wir im Garten des Hotel Matamba stehen.
Ein letzter Blick auf den Looping der Black Mamba, dann schließt sich die Tür des Van hinter Künstler, Crew und Kurator.
Es ist 17:20 Uhr – in gut 1,5 Stunden wird Tim Burton seine Ausstellung eröffnen – mit ganz viel Adrenalin und Spaß im Blut.

ExtraPhantasialand
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