In ihrem Heimatland ist die Ukrainerin Tetyana Denysova als exzeptionelle Choreografin und langjähriges Jurymitglied der Hit-Show „So You Think You Can Dance“ ein gefeierter TV-Star, ihr Name fast ein Synonym für ausgezeichneten Tanz. Dennoch nimmt sie sich jedes Jahr extra frei für ihre künstlerische Heimat – für Fantissima. Und das spürt man: in der Leidenschaft und Intensität, der Liebe und Hingabe jedes einzelnen Tanzes.

Sie sind zuhause ein gefragter Star, haben eine erfolgreiche TV-Karriere und doch nehmen Sie sich jedes Jahr wieder Zeit für Fantissima. Was macht die Arbeit hier so besonders für Sie?
Fantissima ist die Show, bei der ich gewissermaßen künstlerisch aufgewachsen bin. Ich habe hier als Tänzerin angefangen und durfte mich dann als Choreografin so viele Jahre so ungezwungen weiterentwickeln, dass ich zu Fantissima eine sehr enge, besondere Verbindung habe. Und zwar nicht nur künstlerisch. Dieser Ort, dieses Theater, ist wie ein Zuhause für mich. Wir haben hier untereinander so gute Beziehungen, viel mehr als nur auf professioneller Ebene. Da sind über die Jahre richtige Freundschaften gewachsen – genauso wie auch die Show von Jahr zu Jahr wächst und sich immer weiterentwickelt. Solche Projekte gibt es nicht häufig auf der Welt, sowohl im persönlichen als auch im künstlerischen Sinne. Eine Show dieser Art, in dieser Qualität ist meiner Meinung nach nur hier möglich; mit diesem Team und in diesem Theater. Ein Leben ohne Fantissima kann ich mir daher gerade kaum vorstellen.

 Sie leben die meiste Zeit im Jahr in der Ukraine und haben dort als berühmte Choreografin und TV-Persönlichkeit einen entsprechend prall gefüllten Terminkalender. Ihre kreative Arbeit für Fantissima beginnt daher immer schon in der Ferne – wie kann man sich diese Vorarbeit vorstellen?
Zu Beginn, das ist schon Monate vor der Show, erhalte ich von der künstlerischen Leiterin Manuela Löffelhardt ein erstes Briefing. Sie übermittelt mir die Songs und lässt mich an ihren Ideen und Visionen für die einzelnen Showblöcke teilhaben. Da geht es dann besonders um Stimmungen und Emotionen, die mit dem jeweiligen Tanz vermittelt werden sollen. Durch meine jahrelange Erfahrung mit Fantissima habe ich eine sehr genaue Vorstellung, welche Tanzstile zu Fantissima passen und wie die einzelnen Formationen im Theater wirken können. Daher kann ich auf dieser Grundlage schon sehr gut mit der Entwicklung der Choreografien beginnen. Zudem kenne ich auch die Tänzer sehr gut – ich bin an ihrer Auswahl beteiligt, sodass ich auch deren Talente und Fähigkeiten direkt für meine Arbeit berücksichtigen kann.

Wie läuft dann das tatsächliche Einstudieren der Choreografien mit den Tänzern ab?
Durch die intensive Vorarbeit und den Austausch mit Manuela Löffelhardt habe ich vor den Proben sehr klare Vorstellungen, wie die Choreografien letztendlich aussehen sollen. Das ist auch extrem wichtig, da ich meist nur einige Wochen vor der Premiere mit den Tänzern proben kann. Da ist es unabdingbar, dass ich gut vorbereitet in diese knappe Probenzeit gehe. Zusammen mit meinem Assistenten erarbeiten wir die Tänze dann mit dem Ensemble sehr genau und exakt. Dabei lasse ich mir aber auch immer ein wenig Raum für Improvisation. Insbesondere durch die besondere Atmosphäre und das Flair im Theaterraum, mit dem richtigen Licht und vor den großen Videoprojektionen, kann es zu spannenden neuen Ideen kommen.

Gibt es eine Choreografie, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Da gibt es sogar zwei. Zum einen die Choreografie zu „Survivor“ mit ihrer großen Leidenschaftlichkeit und Impulsivität. Und daneben, quasi als Gegenstück dazu, unsere Interpretation von Madonnas „Vogue“. Das ist sehr stylish, fast ein bisschen kühl – eben „Vogue“. Hier fließt nicht nur ein besonderer Tanzstil ein, sondern auch wirklich extravagante Kostüme und eine ganz eigene Stimmung. Das zu erarbeiten, war spannend und ziemlich unterschiedlich zu den Tänzen, die wir bisher entwickelt haben. Dass eine einzelne Show zwei solch unterschiedliche Choreografien vereint, demonstriert die unendlichen Möglichkeiten von modernem Tanz – und von Fantissima: Hier können wir uns ganz klar von herkömmlichen klassischen Vorstellungen von Showtanz lösen und diese in aller Kreativität aufbrechen. Diese Bandbreite, von extrem kraftvoll und leidenschaftlich zu sehr modern und abstrakt, macht die Choreografien für Fantissima zu mehr als nur hübschem Beiwerk zu den anderen Showelementen.

Sehen Sie Ihre Choreografien dabei eher als Teile der Geschichte oder als vertanzte Gefühle? Ist Tanz für Sie eher eine Emotion oder eine Erzählung?
Tanz, gerade moderner Tanz, ist generell beides: Im Tanz drücken wir mit Bewegungen immer Emotionen aus, die eine erzählerische Basis haben. Das mag eine tänzerische Abbildung einer dramatischen Handlung sein oder ein assoziativer Bewegungsausdruck einer Stimmung – beides erzählt dem Zuschauer etwas und lässt ihn gleichermaßen den Tanz fühlen. So ist es auch bei Fantissima. Gerade wenn es im Song einen gesungenen Text gibt, bekommen die Tänze natürlich einen darstellerischen Charakter. Dann sind die gesamten Nummern eher Storys. Allerdings haben wir dieses Jahr besonders viele Choreografien dabei, die sehr stark sind, sehr viel Power haben. Im Tanz spürt man dann vor allem die kraftvollen Emotionen, die Leidenschaft und das Temperament der Tänzer. Das macht die Tänze von Fantissima in diesem Jahr wohl eher emotionsgeladen als poetisch, würde ich sagen.

Author

Christina Herrmann