Phantastische Welten

Schienenschluss – Tarons Lebensadern aus Stahl

Text & Fotos: Christian Buhl
Video: Robert Fülling

AttraktionenNeue Themenwelt KlugheimTechnik

Freitagmorgen, 23.Oktober, 11.30 Uhr in Klugheim: Sonnenstrahlen tanzen auf der Schiene, die mehrere Meter über den Köpfen von Projektleiter Hans-Heinrich Obergfäll und Bauleiter Hilmar Mandewirth schwebt. Es ist Nummer 147 – für viele bloß eine dreistellige Ziffer. Für die Beteiligten aber ist sie eine besondere Schiene: Weil es die letzte ist. Heute ist Schienenschluss.

Ein paar Tage zuvor war dieser Moment für die Männer vom Aufbau-Team noch weit entfernt. Ihre Aufmerksamkeit und ganze Konzentration galt dem 70-Tonnen-Kran und einer Lücke von knapp drei Metern. Durch die musste sich der 2,80 Meter breite Kran der Firma RCS (Ride Construction Service) hindurchwinden, bevor überhaupt an einen Schienenschluss gedacht werden konnte.

Der riesige Kran stand zu diesem Zeitpunkt noch mitten in einem Gewirr aus Schienen, er konnte weder nach links noch nach rechts. Es gab nur einen Weg raus aus dieser engen Misere: durch die beiden Stützen hindurch. Nur so konnte er die Stelle unter der letzten Lücke im Schienen-Geflecht erreichen.

Dass es eng werden würde, den Kran mit diesem Manöver aus der Lücke zu bekommen, war vorher klar. Anders ließ sich der Traum der neuen Themenwelt nicht realisieren – Klugheim wird mit maximalem Aufwand auf minimalem Platz entstehen.

In der Theorie las sich das gut, ganz so einfach war es dann aber nicht. Denn zusätzlich zu der sowieso schon engen Angelegenheit musste der Kran auch noch in einem sehr ungünstigen Winkel durch die Stützen fahren. Da standen den Verantwortlichen schon kurz einige Fragezeichen ins Gesicht geschrieben, ob das wirklich passen wird. Eine andere Möglichkeit gab es aber nicht.

Also ließ der Kranführer den Motor des Kraftpakets auf Rädern an und steuerte ihn im Schneckentempo auf die Lücke zu. Die Männer vom Aufbau-Team wiesen den Kranführer mit winkenden Handbewegungen ein, schon einige Meter vorher wurde klar: Das wird verdammt eng. Als er dann auf Höhe der Stützen angekommen war, passte links und rechts keine Hand mehr zwischen Beton und Kran. Am Steuer leistete der Kranführer Hochleistungssport: Erst drehte er das große Lenkrad ganz nach links, dann wieder ganz nach rechts und behielt dabei die ganze Zeit die winkenden Kollegen über den Rückspiegel im Auge. Wie eine Nadel fädelte er den tonnenschweren Kran mit Fingerspitzengefühl durch das Nadelöhr zwischen den Betonstützen. Die Räder stehen quer, als er schließlich den richtigen Winkel gefunden hat und die letzten wenigen Meter überwindet. Geschafft.

Als einige Tage später der Kran die letzte Schiene am Seil hat, ist den Männern die Erleichterung über das Geschaffte anzusehen. Platz für einen besonderen Brauch war dann aber noch, bevor es soweit war. Mit zwei Kabelbindern hat der Kranführer noch schnell eine deutsche und polnische Flagge um den Stahl gebunden. „Das hat Tradition, dass wir bei der letzten Schiene die gute Zusammenarbeit feiern“, sagt er.

Das Team musste perfekt funktionieren. Denn für gewöhnlich bauen die Experten die Schienen der Reihe nach auf – auf Schiene A folgt die Schiene B. Doch Taron entstand in Blöcken. Zunächst wurden die Schienen in den naturidentischen Felsen hineingebaut. Waren sie dort fertig, ging es an einer anderen Stelle weiter. Das hieß für die Aufbauexperten: Hier müssen sie noch genauer arbeiten als sonst. Denn wenn sie einmal mit einem Streckenabschnitt fertig waren, gab’s kein Zurück mehr. Das hatte vor allem logistische Gründe. Denn auf einer so engen Baustelle muss genau geplant werden, wo und wann der riesige Kran stehen kann, der die Schienen von den Lkw hebt – eine Meisterleistung an Planung und Logistik.

Und dann ist der lang ersehnte Moment gekommen: Die Männer vom Aufbau-Team klettern auf die Stützen, strecken ihre Hände aus und geben dem tonnenschweren Konstrukt, das am Kranseil hängt, winzige Impulse in die gewünschte Richtung. Die Schiene nimmt die Berührungen auf und legt sich Zentimeter für Zentimeter in die Lücke. Mit Schrauben in den Händen warten die Männer auf den richtigen Augenblick, in dem sich die Schiene perfekt an die anderen schmiegt. Schienenschluss.

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