Phantastische Welten

Raik – ein Coaster im Nadelöhr

Text: Christian Buhl
Video: Robert Fülling

Neue Themenwelt Klugheim

Klugheim wächst mit jeder Stunde weiter heran. Vor der Kulisse der mächtigen Felsenlandschaft spielen 120-Tonner und Baukräne täglich Kranen-Ballett, am Boden schieben sich Bagger und Betonmischer unter dem Schienengewirr von Taron hindurch und auch das wachsende Dorf im Herzen Klugheims beansprucht mit jedem weiteren Holzbalken mehr Platz für sich. Wie auf einem großen Wimmelbild gibt es täglich Neues zu entdecken auf der betriebsamen Baustelle, wo Mensch und Maschine dicht an dicht die neue Themenwelt erschaffen.

In dieser abenteuerlichen Enge entsteht Raik. Denn unsere Vision von Klugheim hörte nicht bei Taron auf. Wir wollten neben dem aufregenden Multi-Launch-Coaster eine zweite Achterbahn bauen, die für das Erlebnis mit der ganzen Familie steht. Raik soll vor allem kleinen Achterbahnfreunden großen Fahrspaß vermitteln und dabei auch für unerfahrene Mitfahrer nicht zu intensiv sein. Und alles das in einer stattlichen Größe: Raik wird der größte Family-Boomerang seiner Art sein – trotz der herausfordernden Platzbedingungen.

Daher entsteht Raik auch nicht einfach neben Taron, sondern tatsächlich mittendrin. Der nötige Raum für die zweite Achterbahn wurde nämlich nicht einfach frei gelassen, diesen Raum muss Raik sich erst erobern. Wie durch ein Nadelöhr müssen die Schienen von Raik geführt werden, um den Platz und die speziellen Verhältnisse bis auf den letzten Millimeter ideal auszunutzen, bis ein stimmiges Gesamterlebnis geschaffen ist. Eins, das mindestens so aufregend ist wie der Aufbau des Family-Boomerangs selbst.

Der Coaster entsteht an einer Stelle, an der der Puls des Parks förmlich zu spüren sein wird. Der Lifthill und das Ende der Strecke ragen weit in den Bereich der Wasserbahn River Quest hinein und durchbohren mit ihren Schienen förmlich das turmhohe Gebäude. Von dort geht es mitten durch Klugheim hindurch, fast verschmelzend mit Tarons Stahl, und schließlich unter einer Brücke entlang, dicht vorbei an der Rückseite der Attraktion Feng Ju Palace.

Da ist für das Aufbauteam um Peter Barth täglich Schienen-Mikado angesagt, wenn sie die langen Stahlbauten in die engsten Lücken manövrieren. „Wir müssen durch ein Haus bauen, an einem Haus entlang und durch eine Schlucht, dazu kommt noch der Übergang aus Holz. Und Holz verträgt sich ja nur schlecht mit Eisen, wenn man da aneckt, ist es direkt kaputt“, weiß der Aufbaufachmann. Mit seiner Firma „Bergen, Schleppen und Heben“ kann der Euskirchener auf viele Jahre Erfahrung im Errichten von Achterbahnen zurückblicken, „aber unter diesen Voraussetzungen habe ich auch noch nicht gearbeitet, um ehrlich zu sein. Hier zählt ja wirklich jeder Millimeter“, staunt der Experte.
Trotz der spannenden Umstände wächst Raik unaufhaltsam voran. Jeden Tag tastet sich der Boomerang-Coaster mit seinen Schienen ein Stück mehr in die Welt von Taron vor. Manchmal ist es so eng, dass man meint, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um den Stahl und die Felsen zu berühren – was an einer Stelle im Streckenverlauf dann auch tatsächlich so eintritt. Dort ist der Near-Miss-Effekt dann doch etwas zu „near“ ausgefallen. Ausgerechnet kurz vor Schluss! Als der 50-Tonnen-Kran die letzte Schiene bereits am Haken hat, wird allen Beteiligten schnell klar: Das wird dieses Mal wirklich zu eng. Ein Stück Felsen und die Wand des Feng Ju Palace stehen dem Schienenschluss im Weg.

 

Da hilft dann nur noch schweres Werkzeug, viel Gefühl und Geduld. Die naturidentischen Felsen müssen zurückgebaut und die schwere Betonwand durchbrochen werden. Mit einem Hammer, dessen Stiel so lang wie ein Arm ist, und einem Bohrer mit den Ausmaßen einer Spitzhacke treten die Kollegen gegen den zentimeterdicken Stein an, bis schließlich auch der widerspenstigste Beton nichts mehr entgegenzusetzen hat und Platz macht für Raiks letzte Schiene.

Wirklich Gewissheit, ob genug Stein weggeklopft wurde, bringt jedoch erst das Lichtraumprofil. Das Metallgestell wird auf einem Testwagen angebracht und an der eben noch bearbeiteten Stelle vorbeigezogen. Dabei simuliert die Schablone alle Bewegungen des Fahrgastes – etwa ausgestreckte Arme – und macht deutlich, wo es auf der Strecke eng oder zu eng ist. An dieser Stelle ist alles immer noch sehr eng – aber genau so wollen wir es: Hier lassen Felsen und Beton Raik gerade genug Raum, um den Zug sicher über die Strecke zu führen, aber gleichermaßen die Fahrgäste mit einem besonders eindrücklichen Near-Miss-Effekt zu überraschen.

Nur wenige Minuten später navigiert Peter Barth aus dem Führerhäuschen des Krans den Mast mit der Schiene langsam, aber zielstrebig hin zur letzten Lücke. Per Handzeichen signalisieren ihm seine Kollegen: langsam ablassen. Zentimeter für Zentimeter schieben sich die Enden der Schienen immer enger zusammen, aus zwei Stahlkonstruktionen ergibt sich allmählich eine durchgehende Linie. Die letzten Millimeter stehen noch über, als die Stahlschrauben schließlich die Feinarbeit beenden und die Schiene an ihrem Bestimmungsort fixieren. Jetzt ist Raik komplett und der wirklich letzte Zentimeter Klugheims für den ganz großen Fahrspaß ausgenutzt.

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