Hinter den Kulissen

„Ein Kostüm entsteht wie ein Tanz“

Interview: Christina Herrmann
Fotos: Robert Fülling

Ein Interview mit Kostümdesignerin Mona Farrag

Wenn Mona Farrag ihre Inspiration in Bleistiftstriche verwandelt und auf einem Stück Papier nach und nach ein aufwendiges Kleid entsteht, ist die Kostümdesignerin glücklich. Seit 2008 entwirft sie Kostüme für die Fantissima-Show – jedes Jahr aufs Neue mit unvergleichlicher Kreativität und jeder Menge Herzblut. Wir haben sie in ihrem Atelier mitten im Phantasialand besucht.

Fantissima ist ein Gesamtkunstwerk aus Show, Essen, Location und eben den Kostümen. Wie ist dabei der Ablauf für die Entstehung der Kostüme, wie fängt der kreative Prozess für Sie an?
Es beginnt mit der Musik und den Geschichten. Die Künstlerische Leiterin, Manuela Löffelhardt, nennt mir die Lieder und skizziert, was die einzelnen Nummern erzählen sollen. Der nächste Schritt kann dann sehr einfach sein: Wenn ich die Lieder gerne mag, fallen mir aus dem Stand eine Menge Ideen ein. Wenn ich die Songs nicht gut kenne, arbeite ich mich von außen heran: Aus welchem Jahrzehnt stammen die Lieder? Was hat diese Zeiten modisch ausgemacht – wie die Petticoats die 50er- oder die Schlaghose die 70er-Jahre. Ganz wichtig ist außerdem, welche Geschichte erzählt wird. Ist es eine getanzte Schlägerei muss es natürlich anders aussehen als ein romantisches Duett. Wenn ich zu all dem eine genaue Vorstellung habe, folgen die Zeichnungen. Das ist ein Arbeitsschritt, den ich sehr liebe. Beim genauen Zeichnen der Ideen werden die Entwürfe das erste Mal lebendig. Danach folgt gemeinsam mit Manuela Löffelhardt die Stoffauswahl, der Schnitt und schließlich heißt es nähen, nähen, nähen.

Sie erschaffen Kostüme für die verschiedensten Künstler und für die unterschiedlichsten Szenarien. Dafür braucht es mehr als nur ein paar Ideen. Wovon lassen Sie sich inspirieren, wer oder was sind Ihre kreativen Einflüsse?
In erster Linie kommen die Ideen von der Musik. Aber auch von den Musikvideos, die ich sehr gerne anschaue. Und ich liebe Modenschauen, vor allem Haute Couture. Schon als Kind habe ich das bewundert. Haute-Couture-Kleider sind für mich wie Kunstwerke, die auf den Modenschauen inszeniert werden. Außerdem schaue ich mir auch immer gerne die Outfits der Menschen auf der Straße an. Das alles zusammen beeindruckt und inspiriert mich ungemein.

Wie viele Kostüme erschaffen Sie für Fantissima 2015 neu, was gehört alles dazu?
Momentan machen wir 39 neue Kostüme. Wir machen dabei alles, außer den Schuhen. Wir machen die Hüte, die Accessoires, auch den Schmuck meistens.

Die Kostüme für Fantissima müssen vielen verschiedenen Anforderungen standhalten, akrobatische Höchstleistungen ebenso wie mitreißende Tänze. Hat die nötige Funktionalität der Kostüme einen Einfluss auf den kreativen Prozess?
Absolut. Vor allem beim Ballett muss man sehr auf Funktionalität achten. Da wird gesprungen, gehüpft, Saltos geschlagen – das kann die Phantasie einschränken. Für eine Nummer hatten wir einmal ein Kleid gemacht, das zu rutschig war. Bei den Proben stellte sich heraus, dass die Tänzer damit nicht arbeiten konnten. Das mussten wir dann mit einem weniger schönen, aber praktischeren Stoff korrigieren.

Wie ist das mit Bewegungen, die man selbst nie macht – wie kann man als Kostümdesigner abschätzen, ob das Kostüm für die jeweiligen künstlerischen Zwecke passt?
Manchmal bitte ich die Künstler direkt in der Schneiderei, einen Teil ihrer Nummer im halbfertigen Kostüm vorzumachen. So kann ich sofort sehen: Das Hosenbein reißt nicht. Dadurch komme ich zwischen Nadel und Faden auch hin und wieder in den Genuss der Artistik – ein schöner Bonus.
Daneben gehe ich natürlich auf die Proben. Ich möchte immer sehen, wie die Kostüme funktionieren und wirken.

Inspiriert die Show der jeweiligen Künstler und deren Persönlichkeit Sie, wenn Sie die individuellen Kostüme kreieren?
Definitiv. Vom Ballett etwa kenne ich die meisten Tänzer inzwischen schon einige Jahre und kann gut beurteilen, wer in welche Art von Kostüm passt. Da weiß ich genau: Die eine hat so viel Feuer, der macht ein freizügigeres Kostüm richtig Spaß. Wir achten sehr darauf, dass die Künstler sich in ihrer Kleidung wohlfühlen. Wenn ein Tänzer oder Artist sich nicht in seinem Kostüm wohlfühlt, kann er auch keine gute Nummer zeigen.

Lassen Sie sich auch vom Stil der Originalkünstler der jeweiligen Songs – etwa ABBA oder Michael Jackson – inspirieren oder versuchen Sie, gerade das auszublenden?
Abba ist Abba: Da kann ich kein Hip Hop-Kostüm machen, wenn Abba ganz klar 70er Jahre-Musik ist. Der Stil muss zeitgerecht und authentisch sein, aber keine simple Kopie. Allerdings gibt es auch den Faktor des Wiedererkennungswerts. Manche Modeelemente gehören einfach zu besonderen Musikrichtungen oder speziellen Songs.

Wie lange dauert es ungefähr, bis ein Kostüm fertig ist?
Das kann sehr unterschiedlich sein. Die Ballettkostüme dürfen in der Regel nicht zu viel Firlefanz haben und gehen eher flott von der Hand. Die ausgefalleneren Kostüme hingegen sind deutlich komplizierter und dauern entsprechend länger. Wie das Kostüm zu Frozen: Das hat eine drei Meter lange Schleppe, Federn, Rüschen und noch einiges mehr. Manchmal tauchen auch unerwartete Komplikationen auf: In der Ägypten-Nummer hatten wir uns auf zwei Farben geeinigt, Blau und Lila. Später stellte sich heraus: Damit kam ich nicht klar. Ich musste das teilweise fertige Kostüm zur Seite legen und ein neues angefangen, um einer kreativen Blockade zu entgehen. So etwas ist natürlich nicht planbar. Auch wenn die komplette Zeichnung bereits abgenommen wurde, die Stoffe bestellt sind, selbst wenn ein Kostüm fast fertig ist – oft wird es während des Arbeitens weiterentwickelt und dann zusammen mit der künstlerischen Leiterin abgeändert. Ein Kostüm entsteht wie ein Tanz.

Fantissima geht nun schon in seine 12. Saison. Wie würden Sie den Look der Show in diesem Jahr beschreiben?
Modern. Stylisch. Extravagant. Der letzte Showblock wird ein Knaller, so haben wir noch nie gearbeitet! Die Tänzer müssen eine richtige Modenschau zeigen. Darauf freue ich mich riesig. Die präsentierten Modelle – richtige Haute-Couture-Stücke – sind mit extravaganten Stoffen gearbeitet, die wir sonst eigentlich nicht benutzen. Da gibt es regelrechte Skulpturkostüme mit Miederstäbchengestell, auch eine richtige Ballerina. Nicht nur dadurch ist der Look dieses Jahr sehr innovativ und jung, auch ein wenig abstrakt. Daneben sind die Kostüme außerordentlich bunt. Bei Uptown Funk sind alle Farben vertreten, die man sich wünschen kann. Ägypten ist sehr golden mit vielen weiteren Farben. Was man natürlich nicht vergessen darf: Auch dieses Jahr haben wir wieder mit viel Strass und Co. gearbeitet – ohne Glanz und Glitzer ist Fantissima kein Fantissima.

Gibt es ein Outfit, das Sie am liebsten behalten würden?
Oh, ganz viele! Den Federfrack finde ich großartig. Das Frozen-Kleid auch – eigentlich möchte ich alle haben. Ich finde unsere Kostüme wirklich alle ganz, ganz toll. Etwas, das mir weniger gefällt, würde ich nicht umsetzen und es würde auch nicht in der Show zu sehen sein.

Welchen Eindruck, welche Empfindungen möchten Sie den Zuschauern mit Ihren Kostümen mitgeben?
Man soll natürlich nicht im Detail erkennen, wie viel Arbeit wir in die einzelnen Stücke investiert haben. Aber es wäre schön, wenn die Zuschauer sehen, dass unsere Kostüme nicht von der Stange sind. Es würde mich freuen, wenn man unsere Leidenschaft fühlt und spürt, dass hinter Fantissima Leute stehen, die ihr Herzblut hineingesteckt haben. Es ist für uns ein großes Kompliment, wenn die Gäste fragen „Wow, wo kriegt man das?“.

Zu guter Letzt ein kleiner Seitenwechsel: Wie erleben Sie die Show und natürlich Ihre Kostüme selbst, aus der Zuschauerperspektive?
Leider blicke ich immer auf die Kostüme. Selbst wenn ich mir vornehme, die Show einfach so auf mich wirken zu lassen, begutachte ich doch immer die Kleidung. Aber auch das ist ein Genuss: Ich kann mich daran erfreuen, dass ich mit meinem Team diese tollen Kostüme geschaffen haben. Denn ich mache es gerne. Ich liebe meine Arbeit. Ich freue mich jedes Mal auf ein neues Fantissima, auf eine neue Herausforderung.

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