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Von Zeitungsjungen, feinen Damen und einem Stück Himmelreich

Berlin möchte Sie verzaubern, in seinen Bann ziehen und Sie aus dem Hier und Jetzt holen, um Sie in eine andere Welt zu versetzen. Tauchen Sie ein in eine wahre Geschichte und fühlen Sie sich ein bisschen wie Alice im Wunderland.

Es ist ein sonniger Tag. Eine junge Familie genießt die gemütliche Atmosphäre eines wunderschönen Sommertages und schlendert durch die Straßen Berlins, vorbei an bunten Schaufenstern und Geschäften. Der kleine Tom hält einen roten Luftballon an einer Schnur. Der Ballon passt perfekt zu seinem T-Shirt, das er sich eben im Haus der 6 Drachen ausgesucht hat. Drago ist von allen sein Lieblingsdrache, deshalb will er ihn unbedingt besuchen. Sie sehen ihn schon aus einiger Entfernung. Er sitzt gegenüber vom Eingang  des verrückten Hotels Tartüff auf seinem großen Stuhl und umarmt gerade ein kleines Mädchen, das sich unter seinen Flügeln versteckt. „Ich will auch da hin“, sagt Tom. Plötzlich läuft ein Zeitungsjunge quer über die Straße. Er ruft immer wieder: „Extrablatt, Extrablatt. In der kaiserlichen Tortenfabrik sind die Mäuse los. Meister-Kammerjäger Oskar Koslowski wurde zur Hilfe gerufen.“ Beinahe hätte Tom vor Aufregung seinen Luftballon verloren. Seine kleine Hand griff zweimal ins Leere, bevor er die Schnur wieder zwischen die Finger bekam. „Puh, das war knapp“, sagt er und läuft Drago entgegen, der ihm zuwinkt.

Nach dem Treffen mit dem Drachen kühlen sich Vater und Sohn mit einem Eis im Eiscafé Anni Himmelreich ab, die Mutter nippt an einem Erdbeer-Milchshake. Auf den Plätzen in der Sonne lässt sich das Treiben auf dem Kaiserplatz herrlich beobachten. Ein junger Mann auf einem Hochrad fährt gerade an den Tischen und Stühlen vorbei. Er scherzt mit dem Mädchen, das eben noch in den Armen von Drago lag und mittlerweile vom Gesichtsmaler in eine Katze verwandelt wurde. Er grüßt die Familie in keckem Berlinerisch. „Tach och, die Herrschaften. Na, wie is‘ denn die Befindlichkeit?“ Doch er sollte besser aufpassen, wohin er fährt! Beinahe hätte er den Bürgermeister erwischt, der gerade mit der Dame Immerschön aus dem Schauspielhaus kommt. Der stattliche Bürgermeister zupft sich kurz das Jackett zurecht und verfolgt den Hochrad-Fahrer mit einem bösen Blick. Dann wendet er sich aber wieder der  feinen Dame zu, die sich mit einem Fächer etwas kühle Luft verschafft.  „Oh oh, det jibt Stress“, sagt der junge Mann auf dem Hochrad und radelt davon. Die Mutter kichert nur, während Tom sich den Bauch vor Lachen hält.

Nur wenige Meter entfernt steht der Wagen von Meister-Kammerjäger Oskar Koslowski vor der kaiserlichen Tortenfabrik. Koslowski kramt gerade in seinem Kofferraum nach irgendetwas. „Was machst du da?“, ruft Tom ihm zu. „Na du bis mir ja nen Spezialist, wa? Wat meenste denn, was ich hier mache? Haste net gehört, wat da in der kaiserlichen Tortenfabrik vonstattengeht? Da sind die Mäuse ausjebrochen“, antwortet ihm Koslowski, bevor er seinen Kopf wieder in den tiefen Kofferraum steckt. Auf dem Hochrad kommt der junge Mann von vorhin daher. Er winkt der Kellnerin zu, die eben das Eis serviert hat. Die beiden scheinen sich zu kennen. Jedenfalls erwidert sie sichtlich erfreut seinen Gruß. Das ist auch dem Bürgermeister aufgefallen, der sich gerade vom Schuhputzer an der Ecke seine Lederschuhe glänzend polieren lässt.

Noch mit dem Geschmack des süßen Eises auf der Zunge, geht es weiter. Tom wischt sich mit dem Handrücken über die Lippen und befreit die Mundwinkel von den letzten Eisresten. „Das war echt lecker“, befindet er.  Dann hat etwas anderes seine Aufmerksamkeit: Von den Terrassen des Restaurants Unter den Linden ist eine angeregte Unterhaltung zu hören. Der Hochrad-Fahrer sitzt am Tisch, sein Gesicht ist ganz rot. Vor ihm, mit dem Rücken der Familie zugewandt, gestikuliert der Bürgermeister wild um sich. „Ick glaub, mich tritt nen Gaul! Du willst meene Tochter heiraten?“, motzt er. Der junge Mann nickt bedauernswert. Tom hat Mitleid mit ihm. „Der Arme“, sagt er.

Einige Zeit später, die Sonne lacht immer noch über Berlin, sind noch zwei  Stücke der Waffel übrig, die vor fünf Minuten noch als Teig in das Eisen der Waffelbäckerei gegossen wurde. Die Mutter zupft sie auseinander, so dass der Puderzucker eine kleine Wolke hinterlässt und gibt sie Tom, der gerade von der aufregenden Fahrt auf dem Wellenflug kommt. Das große Karussell schraubt sich in die Höhe, als die Familie wieder zusammen auf dem Kaiserplatz steht. Die Wasserfontänen sprühen die Gischt nach oben, wo die Kinder mit ausgestreckten Beinen durch die Luft wirbeln. Ein Pärchen bekommt von alldem nichts mit, sie sind ganz für sich. „Ach, guck mal. Das ist doch der Hochrad-Fahrer und die Kellnerin aus Annis Himmelreich, oder?“, fragt die Mutter. „Die haben sich wohl heimlich getroffen“, vermutet der Vater. Doch, Moment mal! Was ist das? „Und da sitzt der gemeine Bürgermeister“, beschreibt Tom seine Entdeckung. Tatsächlich: Nur ein paar Sitze entfernt lacht der Bürgermeister fröhlich im Fahrtwind. Eine Hand am Sitz, die andere am Hut. Doch da hätte er besser aufpassen müssen. Das schwarze Ding hebt ab, bevor er danach greifen kann und lässt die wenigen verbliebenen Haare im Wind wehen. Der Hut fliegt in hohem Bogen durch die Luft und landet vor Toms Füßen.

Der hebt ihn auf und schaut ihn sich genau an. „Guck mal, da steckt doch etwas“, bemerkt der Vater. Es ist ein verblichenes Foto. Darauf ist ein junger Mann zu sehen,  der auf einem Hochrad sitzt und in die Kamera lächelt. Eine Mütze verdeckt sein Gesicht zum Teil, aber Tom hat keine Zweifel, wer hier zu sehen ist: „Das ist der Bürgermeister.“

Author

Christian Buhl