Hinter den Kulissen

Das Herzstück aller Shows im Wintertraum

Text: Christina Herrmann
Fotos: Robert Fülling/Peter Blum

The Magic Rose - Spirit of Light

ShowsWintertraum

„Wenn ein Erwachsener die Welt nur für ein paar Minuten wieder mit Kinderaugen sehen kann, habe ich mein Ziel erreicht“, resümiert Manuela Löffelhardt. Ich treffe die Künstlerische Leiterin des Phantasialand in der Kostümwerkstatt hinter den Fassaden Berlins. Um uns herum wird gewerkelt, Waschmaschinen surren leise – der geschäftige Alltag ist voll im Gange. Genau den möchte Manuela Löffelhardt am liebsten hinter sich lassen, wenn es um ihre Shows geht. „Ich möchte erreichen, dass die Menschen, wenn sie diesen phantastischen Ort betreten, den Zauber von Weihnachten spüren“, sagt sie mit einem Blick aus dem Fenster. Draußen erfüllen Weihnachtslieder den trüben Dezembermorgen, Kinderlachen erklingt vom lichtergeschmückten Pferdekarussell. „Der Winter ist für mich eine sehr emotionale Zeit. Wenn es kalt und nass ist und die Dunkelheit alles zu beherrschen scheint, spürt man vieles intensiver. Gerade die nicht so schönen Dinge liegen dann oft schwerer auf der Seele“, sinniert sie. „Deswegen sind in dieser Zeit ein wenig Magie und Phantasie besonders wichtig.“

Viele Künstler – ein Ensemble

Genau da hat sie mit „The Magic Rose - Spirit of Light“ angesetzt. Der allabendlichen Abschluss-Show und dem „Herzstück“ aller Shows im Wintertraum, wie sie es nennt.
In einer immer schnelllebigeren Welt, in der kaum einer sich für den anderen interessiert, möchte sie mit dieser Show eine Geschichte erzählen, die in den dunklen Tagen ein wenig Licht in die Herzen bringt – im wahrsten Sinne des Wortes. Dafür hat sie eine Inszenierung erarbeitet, die bei aller Größe und allen Effekten vor allem auf die Zwischentöne Wert legt. Jeder Schritt und jeder Blick ist inszeniert und choreographiert. Und zwar von allen 56 Künstlern – ein riesiges Ensemble, das es Jahr für Jahr erst einmal zu bändigen gilt: „Bei der „Magic Rose“ treffen sich Künstler aus beinahe jeder Park-Show“, erzählt Manuela Löffelhardt. „Themenkünstler und Tänzer, Stuntleute und Artisten. Einige kennt man schon seit Jahren, viele sind neu dabei. Aus allen diesen Einzelkünstlern ein homogenes Ensemble zu machen, ist die größte Herausforderung der Show“, sagt sie mit einer weit ausholenden Geste, die den Aufwand dieser Aufgabe erahnen lässt.

 „Die Choreographie mag einfach aussehen, ist aber eine hochkomplexe Angelegenheit“, erzählt sie weiter. Jeder Künstler muss nicht nur die Schrittfolgen und Bewegungen einstudieren, sondern auch seine Position in der Gruppe immer im Blick haben. Der Abstand zum Vordermann, die Höhe der ausgestreckten Arme, die Neigung des Kopfes – erst wenn alle 56 Künstler als Einheit auftreten, kann das Bild entstehen, dass Manuela Löffelhardt zeichnen möchte. „Da können bei der Vielzahl an Künstlern mit unterschiedlichen Erfahrungen und Fachrichtungen für eine einzelne Schrittfolge schon mal halbe Tage draufgehen“, erinnert sie sich an den aufwendigen Probenprozess. „Und da wir immer in mindestens vier Sprachen oder sogar mit Händen und Füßen kommunizieren, gibt es manchmal auch ungeahnte kulturelle Hürden“, erzählt sie schmunzelnd von dem Moment, in dem sie erkannte, dass sogar beim Zählen mit den Fingern Unterschiede zwischen den verschiedenen Nationen herrschen.

Kleine Details für große Szenen

Hinzu kommt die emotionale Seite der Inszenierung. „Die Show soll nicht nur schön aussehen, sondern auch berühren“, bringt Manuela Löffelhardt es auf den Punkt. Dazu hat sie eine Geschichte von den dunklen Seiten des Lebens und der Kraft von Licht und Liebe entwickelt, die sie wie einen roten Faden durch alle Elemente ihrer Inszenierung gewoben hat. Und zwar vor allem auf der Gefühlsebene. „Es ist nicht mein Hauptziel, dass jeder Zuschauer die Story vollends erkennt. Sonst hätte ich den Darstellern mehr Text gegeben“, erklärt sie. Stattdessen hat sie jedem Künstler eine eigene kleine Geschichte vorgegeben, eine Haltung zum Gesamtgeschehen. „Anhand dieser Geschichten lernen die Künstler den Charakter ihrer Figur kennen. Erst, wenn sie diesen selbst spüren, findet sich das auch in ihrem Ausdruck wieder“, berichtet sie. „Solche kleinen Details können ganze Szenen ausmachen. Das ist zwar in der Erarbeitung enorm aufwendig, diese Zeit muss ich mir aber nehmen.“

Es geht ihr dabei um die „B-Note“, den künstlerischen Ausdruck einer Performance. „Vielleicht ist mal ein Schritt nicht hundertprozentig synchron oder ein Bein im falschen Winkel gehoben, das kann passieren. Aber der Ausdruck – das Gefühl – das muss stimmen. Da möchte ich die Höchstpunktzahl bekommen“, sagt sie mit einem Lächeln. „Natürlich müssen alle Beteiligten die Choreographien mit viel Disziplin erlernen, aber die beste Tanztechnik bringt nichts, wenn das Gesicht nichts erzählt.“ Ihr Ton wird nachdrücklicher, als sie das sagt. Selbst im lockeren Gespräch bemerkt man die stolze Leidenschaft, die die professionell ausgebildete Tänzerin antreibt, und man spürt, dass sie nichts von den Darstellern fordert, was sie nicht selbst zu geben bereit ist.

Kostüme und Klänge, die Geschichten erzählen

Und das überträgt sich auch auf die weiteren Elemente der Show – und deren Macher. Kostüme und Lichter, Musik und Effekte: Alles entspringt ihrer Imagination und wird dann gemeinsam mit den Kollegen der verschiedenen Bereiche umgesetzt und optimal in die Inszenierung eingebettet.

Für die Musik hätte Manuela Löffelhardt sich am liebsten selbst ins Tonstudio gesetzt, so konkret waren ihren Vorstellungen dafür. „Musik ist exorbitant wichtig, um das Thema und die Emotionen zu vermitteln“, sagt sie. „Keine Sprache der Welt schafft es, in kurzer Zeit so viel zu vermitteln wie ein Musikstück.“ Die Arrangements von Michael Laß, dem Sound-Supervisor des Phantasialand, und den Komponisten von IMAscore sind für sie daher ein essentieller Baustein der Erzählung der magischen Rose. So wie die Darsteller in ihren Blicken und Gesten die Geschichte der Show ausdrücken, ist auch in der Musik zu hören, wie die Menschen immer rücksichtsloser werden und wie letztlich das junge Mädchen diese seelische Dunkelheit mithilfe der magischen Rose durchbricht.

Und auch die Kostüme weben diese Geschichte weiter. Jedem Akteur hat Manuela Löffelhardt von den Kollegen in der Kostümwerkstatt ein Kostüm auf den Leib schneidern lassen, das seiner Figur mit phantastischen Accessoires einen Ausdruck verleiht, der weit über das Bühnengeschehen hinausgeht – hier erzählen gusseiserne Fernrohre und Taschenuhren, Sanduhren und Kompasse, glitzernde Zahnräder und Broschen von ganz eigenen Abenteuern. „Mit diesen wunderschön verzierten Gewändern können die Darsteller die Geschichten, die ich ihnen zu ihrer Rolle gegeben habe, mit Leben füllen“, erklärt Manuela Löffelhardt. „Sobald sie ihre Kostüme tragen, werden die Gefühle ihrer Figur viel greifbarer für sie – und das spürt auch der Zuschauer.“  

Spirit of Light

Das gilt insbesondere dann, wenn die Kostüme wahrhaftig zu strahlen beginnen und tausende Lichtlein die Bühne erfüllen. „Für meine Geschichte ist, gerade in der Dunkelheit des Winters, das Licht das perfekte Ausdrucksmittel“, sagt die erfahrene Bühnenfrau. Wenn die Kaltherzigkeit der Menschen von der magischen Rose durchbrochen wird, spiegelt sich die Kraft des Lichts in unzähligen Lämpchen auf den Kostümen, Tannenbäumen und Fassaden wieder und lässt die Welt magisch aufleuchten. Jedes LED-Lämpchen muss Markus Fuchs, Projektleiter der Lichttechnik im Phantasialand, minutiös programmieren, um es nahtlos in die Inszenierung einzufügen. Das Licht ist dabei nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern ein Kernelement der Show, das alle Bestandteile miteinander verbindet. Erst im vollkommen Einklang mit Musik und Choreographie verleiht das Lichterspiel der Show ihren unverwechselbaren Charakter und übernimmt letztlich sogar die Hauptrolle, wenn es in einer funkelnden Choreographie den Kaiserplatz – und als Feuerwerk das winterliche Sternenzelt – erstrahlen lässt.

„Und dann tauchen die Zuschauer vielleicht mit ganzem Herzen ein in diese phantastische Welt und geraten ins Träumen“, wünscht sich Manuela Löffelhardt. „Dann gelingt es ihnen für einen kurzen Augenblick – entweder von selbst oder weil sie die staunenden Augen eines Kindes im Publikum sehen – sich an den kleinen Dingen zu erfreuen und den Moment zu genießen.“ Denn das ist es, was sie mit ihrer Show erreichen möchte. „Es geht mir nicht darum, die Menschen mit spektakulären Effekten aus der Rubrik „schneller, höher, weiter“ zum Staunen zu bringen“, sagt sie bestimmt. „Wir entwickeln die Show zwar kontinuierlich weiter – dieses Jahr mit wundervoll aufgewerteten Kostümen, mehr Feuerartistik und einer deutlich ausgeweiteten Lichtshow – doch der Kern des Showerlebnisses liegt für mich niemals in der Technik oder den Effekten. Mir geht es ums Gefühl“, sagt sie und in ihren Augen blitzt der träumerische Zauber ihrer Showwelt auf. „Ich will mit der „Magic Rose“ in den dunklen Winterzeiten einen Glücksmoment schaffen. Ein Moment zum Innehalten, der die Leute mit einem warmen Gefühl erfüllt, das sie weiterträgt über die nächsten Stunden, wenn die Magie vielleicht schon wieder vom Alltag verdrängt wird,“ sprudelt es nur so aus ihr heraus. Man merkt mit jedem Wort, dass Manuela Löffelhardt ganz intensiv fühlt, was sie sagt. Sie agiert mit einer Hingabe, die heute nur noch selten zu finden ist, und scheint es zu schaffen, die Welt ab und an mit Kinderaugen zu sehen. Und genau dazu lädt sie uns alle ein mit ihrem „Herzstück“ im Wintertraum, wenn es wieder heißt: „Spirit of Light, illuminate. The Magic Rose has set us free…“

ShowsWintertraum
Teilen & Drucken