Wie die Videoprojektionen von Fantissima entstehen

Wenn Markus Fuchs seine Knöpfe drückt, entstehen Welten. Schon seit Jahren taucht der Lichtexperte die Attraktionen und Shows des Phantasialand in faszinierende Designs aus Licht und Farbe und hat nun bei Fantissima eine zweite große Leidenschaft entdeckt: Die Videoprojektionen. Mit viel Hingabe und Sorgfalt entwickelt er immer neue beeindruckende Bildwelten voller Tiefe, voller Geschichten und – das ist ihm besonders wichtig – voller Gefühl!

Wenn die ersten Töne im Fantissima-Theater erklingen und die Künstler die Bühne betreten, ist ein anderer Hauptdarsteller bereits „hellwach“: Die große Videowall. Wie ein lebendiges Bühnenbild erzählt sie die Geschichten der Songs, Choreographien und Showacts weiter und erschafft in faszinierenden Bildern immer neue Welten voller Weite und Gefühl.

Dafür holt Markus Fuchs aus jedem der 1,8 Millionen Pixel das Maximum heraus. „Ich kümmere mich darum, dass diese Bildwelten in der Show zu sehen sind“, sagt er bescheiden. Tatsächlich steckt eine Menge Arbeit darin. Denn die Projektionen auf der digitalen Wand sind keine gewöhnlichen, vorgefertigten Videos – sie werden extra für Fantissima produziert. Sie sind eine Art Bilderteppich, der die Show trägt. Und zwar nicht nur im Hintergrund. Sie sind ein Hauptelement der Show, wie ein visuelles Spielfeld, auf dem die Inszenierung und die Künstler sich austoben können. Dafür müssen sie auf die Hundertstelsekunde genau auf die Auftritte zugeschnitten sein. Und das fordert viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Kreativität.

Ein Buch voller Kunstwerke

„Alles beginnt mit einer Vision: dem Showkonzept von Manuela Löffelhardt, der künstlerischen Leiterin“, erklärt Markus Fuchs. „Bereits weit vor den ersten Proben beschreibt sie mir ihre Ideen für die Show, von den Songs über die Stimmungen bis zum Setting und wir überlegen gemeinsam, welche Geschichten die Projektionen erzählen sollen.“ Denn die digitalen Bildwelten sollen die Performances optimal ergänzen und die vielfältigen Stimmungen der Show genauso facettenreich übertragen wie die anderen Elemente der Inszenierung. Genauso lässig und leidenschaftlich, energiegeladen und düster, modern und cool wie die Songs und Choreographien, Showacts und Kostüme – und sogar noch etwas mehr: „Mit der Videowall bekommt die Inszenierung eine Größe und Intensität wie nie zuvor. Durch sie ergeben sich künstlerische Möglichkeiten, die es so noch nicht lange in der Showwelt gibt. Das auszukosten und gemeinsam Ideen ohne kreatives Limit entwickeln zu können, macht unglaublich viel Spaß“, erzählt Markus Fuchs.

Die aus diesem kreativen Brainstorming entstehenden visuellen Vorstellungen fasst der Lichttechniker anschließend in einem Moodbook zusammen. Er ist diesem Prozess quasi die Schnittstelle zwischen Ideen und Umsetzung, ein Übersetzer der Visionen von Manuela Löffelhardt. Seite für Seite stellt er ein aufwendiges Album zusammen, das in vielen Bildern und Texten die Stimmung jeder einzelnen Szene widerspiegelt. Im Moodbook steckt die gesamte Show! Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt – und das ist auch gut so. Denn viele der Fantissima-Projektionen wachsen erst nach und nach, nur selten gibt es von Anfang an klare motivische Vorgaben. Und so werden die Bildwelten aus dem Moodbook mit jedem Arbeitstag zu immer detailreicheren Kunstwerken. „Ich zeichne immer wieder neue Einzelheiten in die Vorlagen oder nehme Änderungen vor, um den Programmieren zu zeigen, was wir uns vorstellen. Ist uns eine Landschaft zu kahl, dann zeichne ich eine Palme rein“, beschreibt er beispielhaft die umfassende Detailarbeit, die in die Entwicklung der Bildwelten fließt.

Und die tragen die Bezeichnung „Welten“ nicht ohne Grund: Szene für Szene nehmen die Projektionen die Zuschauer mit auf eine Reise durch Zeit und Raum. Mal erfüllt eine düstere Wüstenlandschaft den Bühnenhintergrund, mal taucht man ein in farbenfrohe Welten zwischen Nil und Pyramiden. Vom geschäftigen Probenstudio für aufgeregte Künstler über einen kühlen Laufsteg für elegante Models bis hin zum lässigen amerikanischen Diner: Dank der LED-Wand ist im Fantissima-Theater visuell beinahe alles möglich. Da erwacht dann auch der Broadway zum Leben und lädt Künstler und Zuschauer regelrecht zum Flanieren ein durch ein ganzes Jahrhundert Showgeschichte.

 

Von Moodbook auf die Bühne

Bis das möglich ist, stehen allerdings noch viele, viele Fleißaufgaben an. Sobald die ersten programmierten Videoinhalte vorliegen, wird direkt mit ihnen auf der Bühne geprobt – für Markus Fuchs der beste Weg, um zu beurteilen wie das Gesamtpaket aus Performance und Projektion auf der Bühne wirkt. „Ich schaue mir genau an, was noch verbessert werden muss. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein: Mal wirken die Farben auf der großen LED-Wand anders als auf dem Computer, mal passt die Position eines Tänzers nicht zum Hintergrund oder ein Baum ist zu groß und „hängt“ unserem Sänger direkt in den Kopf“, erzählt er.

Jede einzelne Abweichung wird minutiös korrigiert, damit alles ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Die digitale Technik bietet dabei eindeutige Vorteile: Eines der handgenähten Kostüme zu ändern, wäre deutlich aufwendiger als die Umgestaltung des digitalen Contents. Mit der Videotechnik kann man entscheidende Änderungen vornehmen, die anderswo unter Zeitdruck vielleicht nicht mehr möglich sind. „Dabei kommt es zwar auch zur einen oder anderen kreativen Nachtschicht – die nehmen wir aber gerne in Kauf für ein optimales Endergebnis“, erzählt Markus Fuchs.

»Damit Video, Licht und Ton perfekt aufeinander abgestimmt sind, bedarf es jeder Menge Fleißarbeit über viele Tage.«

Von der Idee ins Moodbook, von den Zeichnungen zur Produktion, vom PC auf die Bühne – die Videoprojektionen haben einen langen Weg hinter sich. Aber das Wichtigste fehlt noch: die Programmierung im Fantissima-Theater. Denn sobald die Filme in ihrer Gestaltung fertig sind, müssen sie noch technisch in den Showablauf eingefügt werden. „Damit der Kollege, der die Show Abend für Abend fährt, einen optimalen Ablauf gewährleisten kann, muss jede einzelne Videosequenz vorab genau programmiert werden.“ erklärt der Lichtingenieur. Dafür schaut sich Markus Fuchs wieder und wieder die einzelnen Auftritte an und stimmt die Sequenzen exakt darauf ab. Besonders verzwickt wird es, wenn es um das Zusammenspiel mit Musik und Choreographie geht. Hier muss extrem darauf geachtet werden, dass es keine rhythmischen Abweichungen gibt. Schon eine Diskrepanz von nur einem Frame – einem Bild, das den Bruchteil einer Sekunde zu sehen ist – würde man sofort wahrnehmen. Daneben geht es bei der Programmierung besonders um die Übergänge zwischen den einzelnen Videos. „Die wahre Kunst liegt darin, dass der Zuschauer keine Unterschiede zwischen den Sequenzen erkennen kann“, erklärt der Lichttechniker. „Der Übergang muss fließend sein. Dafür bietet die Videowall mit ihren rund 200 Video-Modulen und zwölf Oberflächen die besten Voraussetzungen.“ Doch bei allen technischen Vorzügen: Jeden einzelnen Auftritt optimal zu timen erfordert von Markus Fuchs enorm viel Geduld, Fingerspitzengefühl und Zeit. Damit letztlich Video, Licht und Ton perfekt aufeinander abgestimmt sind, bedarf es jeder Menge Fleißarbeit über viele Tage.

„Wenn dann aber letztlich alle Showelemente zu einem großen Ganzen zusammenkommen und die anfängliche Vision Wirklichkeit wird, ist das ein toller Moment,“ schwärmt Markus Fuchs. Dann schafft die Videowall einzigartige Welten und definiert Räume, die das gesamte Setting der Szenen bestimmen – dann ist für die Show beinahe alles möglich. Das erzeugt eine unglaubliche Tiefe und transportiert so viele Emotionen, wie es vorher kaum denkbar war. „Und wenn ich dann höre, dass unsere Bildwelten gemeinsam mit den Showacts die Zuschauer regelrecht „geflasht“ haben, bin ich stolz auf das, was unsere Projektionen aus der Show gemacht haben.“

 

Author

Christina Herrmann